Spottlight #52

eine Kolumne - das Spektrum reicht von Information, Hohn und Spott bis zu dem was uns sonst so einfällt. Scharfzüngig (oder auch mal provokativ)

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Spottlight #52

Beitragvon Kalle » 8. Dez 2015, 19:52

Ein Gummientchen beizugesellen

Was? Schon wieder ein neues Programm.
Wir hatten 2013 KuK, mit fast überwiegend neuen Songs. 2014 die Bandtour zum "Stein vom Herzen"-Album. Und dann die Räuberzivil-Quartett-Konzerte, wo mal eben ein nagelneues Doppelalbum fast komplett aufgeführt wurde.
Drei völlig unterschiedliche Programme, nahezu ohne Schnittmengen bei den Songs, und mit komplett unterschiedlichen Bands.
Dabei reden wir jetzt nicht über parallel laufende Lesungsformate, Kinderbuchserien, Übersetzungen und publizistische Arbeiten, sondern nur über den Musiker HRK, für den man den Begriff Vielseitigkeit immer wieder neu definieren muss.

Jetzt also ein Solo-Programm. Gut, wer Heinz etwas oberflächlicher betrachtet, könnte jetzt auf die Idee kommen, der Mann setzt sich da jetzt mit einer Gitarre hin, spielt wahllos ein paar eingängige Songs, und weiterlesen trägt dazu ein paar Texte vor. Das ließe sich in wenigen Tage vorbereiten, und ohne nennenswerten Aufwand auf die Bühne bringen.
Aber genau so läuft "Einstimmig" natürlich nicht. Das Programm ist in monatelanger Vorbereitung gereift, vom Künstler akribisch erarbeitet und gründlich geprobt worden. Wir reden hier über sage und schreibe 150 Minuten, die gemessen daran, dass da nur ein Mann auf der Bühne ist, unfassbar abwechslungsreich und kurzweilig sind. Das Set wird vom Publikum aufgesogen, ohne dass irgendwann mal die Konzentration leidet, die Spannung abfällt, oder Unruhe aufkommt.
Und der Besucher bekommt ein Set ohne Kompromisse. Ohne Rücksichten auf Begleitmusiker, ohne Zwänge hinsichtlich der Songauswahl, und natürlich ohne Netz und doppelten Boden. Heinz ist für alles verantwortlich, da ist nichts auf der Bühne wohinter er sich verstecken könnte. (Allenfalls hinter dem Klavier, in Braunschweig nicht mal das, weil es sich um eine Rundbühne handelte)

Übrigens, einen Konzertbericht schreibe ich jetzt natürlich nicht. Birgit hatte bereits nach der Premiere in Amrum einen sehr lebendigen und ausführlichen Text verfaßt, und das besser als ich es gekonnt hätte. Also darf ich nun völlig unstruktiert auf meine Eindrücke und Gedanken zugreifen.

Kurz noch zu Isernhagen, wo ich Ende Oktober erstmals Einstimmig sehen konnte. Die ehemalige Scheune ist das Kernstück einer breit ausgerichteten Musikschule, die sich u.a. der studienvorbereitenden Ausbildung verschrieben hat. Ein sehr schöner Komplex, in dem übrigens auch Tochter Marlene die Geige erlernte, nachdem sie seinerzeit von Stuard Gordon inspiriert wurde.
Und weil die Location so schön ist, fand sich dann auch ein Kulturverein zusammen, der sehr emsig und engmaschig ein breit aufgestelltes Programm bucht und anbietet. Aufgrund der Kapazität von 450 Besuchern geht da schon was. Und dieser Abend war ohnehin schon einige Zeit ausverkauft.
Für Heinz ist Isernhagen ein Heimspiel, nicht nur weil er hier mit Wolli schon gespielt hatte, sondern auch weil es von daheim bis zum Auftrittsort mit dem Auto kaum mehr als sieben Minuten sind. Also mal ohne Hotel und nach dem Soundcheck wieder nach Hause.

Aber jetzt zurück zur Wirkung der Einstimmig-Auftritte, Abgesehen von musiklosen Lesungen
aus seinen Büchern in den 80ern und 90ern, die meist etwas kühl und mechanisch abliefen, zumal der Autor zu der Zeit vorzugsweise auf verstörende Texte zugriff, statt eine humorvolle Note zuzulassen, hatte HRK so gut wie keine Erfahrungen als Alleinunterhalter. Man stellt sich also schon eine ambitionierte Aufgabe, eine so lange Strecke allein zu bestreiten. Und man ist bestrebt, alle denkbaren Möglichkeiten einzubeziehen, die dem Programm mit einer Facettenanreicherung dienen können.

Vor allem fällt mal auf, wie detailgetreu und virtuos Heinz die Songs auch allein vorträgt. Die vertrauten Anschlagtechniken erlauben den kundigen Besuchern oft auf Anhieb den Song zuzuordnen, noch bevor der Gesang einsetzt. Deshalb fehlt auch beim "Balkonfrühstück" und beim "Ultimatum" die Band nicht wirklich. Der Vortrag füllt den ganzen Saal problemlos aus, und Heinz singt die Sachen Jahrzehnte später ausdrucksvoller und technisch brillianter denn je. Die Lieder atmen, man nimmt sie physisch wahr.

Dazu kommt, dass man auch mit einer verstärkten Akkustikgitarre eine ganze Menge Klangeffekte erzielen kann, zumal die geliebte Gibson ja nicht allein gekommen ist. Deshalb ist auch ein Backhander dabei, und deshalb wurden die auf die jeweiligen Songs abgestimmten Effekte sorgfältig ausgewählt.

Für das Klavier bieten sich für dieses Programm vermutlich weniger Songs an, weil das Instrument nach den Anfangsjahren in den Arrangements an Tragfähigkeit eingebüßt hat. Welchen Song aus "Richter-Skala" sollte man z.B. allein am Klavier interpretieren?
Deshalb fiel die Wahl auch vorzugsweise auf ganz alte und ganz neue Songs.Von den ersten sechs Alben liefert lediglich "Ausnahmezustand" keinen Programmbeitrag, wobei vor allem "Folgen sie mir weiter" für Gänsehaut sorgt. Bereits im Räuberzivil-Programm bekamen wir ja eine fantastische Version dieses Klassikers geboten, aber diese intensive Solo-Interpretation ist einfach nur unfassbar, weil man nicht erwarten konnte, dass Heinz diesen Song ganz allein so bewegend aufzuführen in der Lage sein könnte. .
"Der schwere Mut" (war Solo der Opener zur "Gute Unterhaltung"-Tour) und "Regen in Berlin" sind ebenso wie z.B. die "Bestandsaufnahme" und "Ich habs versucht) als Klaviersolo erwartbarer, "Stein vom Herzen" bietet sich auch an, und "Komm kleine Fee" kömmt so prägnant und irgendwie fast vertraut, als hätte man es in dieser Fassung schon öfter gehört.
Aber ich schweife ab, das Set kennt Ihr ja längst. .

Kommen wir mal zur Aufgabe der Sprechtexte, die vielen Songs Flankenschutz geben und den Roten Faden befördern, der das Programm schlüssig und griffig halten.
Dazu muss man wissen, dass Heinz mit dem Gedanken gespielt hatte, nicht nur anhand der Lieder die Länge und Breite seiner Karriere abzubilden, sondern auch (einige) ältere Sprechtexte zu verwenden. Er hat das wieder verworfen, wohl weil diese Texte erstens nicht das Erinnerungspotential von Liedern haben, aber auch, weil es bei näherer Betrachtung gar nicht so einfach ist, diese ihrem zeitlichen Kontext zuzuordnen. Lieder haben es da leichter, die kann man ankündigen. Die Erwähnung der lange nicht mehr existenten Firma Nordmende im "Balkonfrühstück" z.B. wird dann als geradezu nostalgisch wahrgenommen, weil die nicht eingeweihten Zuhörer eben einleitend erfahren, aus welcher Zeit der Song stammt. Aber einen Sprechtext anzukündigen, würde dem Abend einen unangemessenen Pedantismus aufdrücken.

Es wird bei "Einstimmig" auch eher die Ausnahme sein, dass Heinz Bestandteile des Programms tauschen wird. Bei den Lesungsformaten, sei es mit Wolli Stute oder Jan Drees, probierte er ja gern mal einen Text aus, den er grad erst im Hotel geschrieben hatte. Hier aber scheint mir das Programm zu ausbalanciert, um dauernd etwas zu verändern.
Das heißt aber nicht, dass die Sprechtexte grundsätzlich den folgenden Song einleiten, Sie bilden ein Korsett, müssen also passen, nicht aber die Vorlage für malen-nach-Zahlen erfüllen. Nicht selten liegt der Reiz gerade darin, dass man sich fragt, welche Zusammenhänge nun gerade diesen Einleitungstext vor diesen Song gestellt haben, oder ob es diese Zusammenhänge überhaupt gibt. Z.B. die Geschichte vom Anhalter, der von den Autofahrern in Regelmäßigkeit verprügelt wird, und daran anschliend der Song "Nichts als offne Fragen".

Unmittelbar schlüssiger ist es, wenn auf eine Geschichte von einem seltsamen Gast und einem ausgebeuteten Kellner der "Working Class Hero" folgt. Oder die Geschichte, in der einem alten Mann, den man mit einem Karpfen verwechselt hat, diese Verwechslung schmackhaft gemacht wird, in dem man ihm die Vorzüge eines Lebens in einer Badewanne aufzeigt, und ihm die Beigesellung eines Gummientchens in Aussicht stellt. "Beigesellung", eine Wortschöpfung die allein schon das Kommen rechtfertigt.
Es folgt mit "Das Dasein und ich" ein Song, der ebenfalls reichlich philosophisch eingefasste Fragen aufwirft.
Sehr schön auch die Liebeserklärung in der die Angebetete mit der Anmut von metallverarbeitender Industrie verglichen wird, worauf dann "Leg nicht auf" folgt.

Übrigens kommt das Programm ohne Pause aus, was man im Vorfeld als riskantes Experiment hätte bezeichnen müssen. Einmal, weil die physische Beanspruchung des Künstlers ausgesprochen hoch sein muss, aber auch weil man das Publikum ziemlich im Griff haben muss, damit es die Strecke mitgeht. Für die Bewirtungseinnahmen des Veranstalters ist die fehlende Pause sicher etwas ungünstig, aber der Vorteil liegt natürlich darin, dass die Intensität des Vortrags nicht gestört wird. Ein Publikum, welches aus der Konzentration ins Foyer entlassen wird, um dort zeitvergessend anderen Anregungen nachzuhängen, muss erst wieder "zurückgeholt" werden, was ich nicht räumlich meine.

Ich muss jetzt keinem empfehlen, eine der weiteren Veranstaltungen zu besuchen. Das versteht sich von selbst. Und das Format hat hervorragend eingeschlagen. Es kommen reichlich Anfragen und die Ausverkauft-Schilder haben fast überall ihren Einsatz. Heinz schränkt nur ein, dass die Locations nicht zu groß sein dürfen. Das heimische Aegi-Theater wäre so ziemlich der Deckel, und Open Air würde Einstimmig gleich gar nicht funktionieren.

Die ersten Kostproben warten ja bereits auf der Bonus-CD zum Album, die Heinz selbst sehr erfreuen, weil die Variablität des Programms hervorragend eingefangen wurde. Ein Mitschnitt der gesamten Show ist damit übrigens keinesfalls vom Tisch, bedingt dadurch, dass dieser aber sicher nicht bei RCA aufgelegt werden würde, ist die Idee mindestens für einige Zeit geblockt.

So denn, an dieser Stelle gebe ich zurück zur Diskussion und Spekulation hinsichtlich des "Deutschland"-Albums. Wir sehen uns...
Wenn Gott sich in einem Hotel eintragen müßte, er wüßte wahrscheinlich gar nicht, was er unter "Konfession" schreiben sollte. Hanns Dieter Hüsch
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Re: Spottlight #52

Beitragvon manuelg » 12. Dez 2015, 12:51

"Welchen Song aus "Richter-Skala" sollte man z.B. allein am Klavier interpretieren?"

-> Das liegt extrem auf der Hand: "Feuerschutz": eine der besten HRK-Songs/-Balladen ever - textlich wie musikalisch!
GEIST ist geil!

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Re: Spottlight #52

Beitragvon Thofrock » 12. Dez 2015, 21:30

Ah ja, das kann gut sein. Ich weiß gar nicht mehr wie sie das auf der Tour gespielt haben. Nur mit Klaviert und Orgel? Die Bläserstimme trägt die Nummer ja schon ziemlich.
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Re: Spottlight #52

Beitragvon Ghosti » 13. Dez 2015, 18:38

Thofrock hat geschrieben:Ah ja, das kann gut sein. Ich weiß gar nicht mehr wie sie das auf der Tour gespielt haben. Nur mit Klaviert und Orgel?


Nur Klavier und Geige.
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