SPOTTLIGHT #58 Riders on the Storm im Fahrstuhl - Die Brille-Podcasts

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SPOTTLIGHT #58 Riders on the Storm im Fahrstuhl - Die Brille-Podcasts

Beitrag von Thofrock » 14 Okt 2020, 15:33

SPOTTLIGHT #58 vom 14.10.2020 - Riders on the Storm im Fahrstuhl - Die Brille-Podcasts

Was ist eigentlich ein Podcast? POD steht für Play On Demand, das Cast hängt sich aus Broadcast an. Erforderlich sind spannende Teilnehmer und der Seriencharakter. Elf Sendungen haben wir von Heinz Rudolf Kunze inzwischen zusammen, da kann man also schon einmal ein erstes Fazit ziehen.

Jetzt wissen wir ja, dass Heinz sehr lange immer wieder auch journalistisch tätig war, tausende von spannenden Leuten kennt, profunde Kenntnisse und breitestes Interesse in Musik, Literatur, Film und natürlich auch Zeitgeschehen auffahren kann. Deshalb ist es eigentlich nur mit begrenzter Zeit zu erklären, dass es eine Pandemie brauchte, um diese Idee zu entwickeln und in Gang zu bringen.

"Durch die Brille gefragt" hält sich an einige Grundregeln, die für ein unverfälschtes Resultat sorgen. Nicht nur die Gäste werden ausschließlich von Heinz individuell ausgewählt, sondern auch die Gespräche laufen ohne jede Zwänge ab. Kein Redakteur also, der Leute in die Sendung drückt, die irgendwas zu verkaufen haben. Unbedingter Spassfaktor für Heinz, weil die Chemie stimmt. Heinz gibt als Grundregel an, den Gast nie schlecht aussehen zu lassen. Diese Gefahr besteht aber gar nicht, weil die Gespräche eine kreative Wohlfühlatmosphäre ausdrücken. Und wie man schon ahnt, ist das Treffen mit dem Abschalten des Mikros nicht beendet. Und zwar unabhängig davon, ob Heinz den Gesprächspartner (wie z.B. Jim Rakete oder Reinhard Mey) lange und gut kennt, oder zum ersten Mal trifft. Die Gespräche entwickeln sich wie ein Stammbaum und das Ende kommt meistens überraschend und erzwungen.

Die Gespräche legen nicht selten in der zweiten Hälfte noch zu,wenn der Gast sich in einer gewachsenen Vertrautheit aus dem Interviwmodus gewöhnlicher Gesprächstermine befreit. Heinz beginnt ja stets akribisch vorbereitet, eine Art Struktur einzuhalten bemüht, die dann aber im Gespräch zunehmend verloren geht. Die Kunst besteht darin, Fragen aus den Antworten heraus zu entwickeln, und dabei auch die eigene Sichtweise, eigene Erlebnisse einzustreuen. Das vor allem macht den Podcast mit Brille aus. Die Gäste werden mit einer Art besonderem Zuschnitt der Fragen und Anstöße überrascht, so als läge da ein riesiger flauschiger Teppich. Dieser Kunze erspürt einfach richtig gute und aus einem ehrlichen Verständnis heraus entwickelte Fragen.

Etwas aus dem Rahmen fällt eigentlich nur die erste Folge, die auch wegen der visuellen Bilder einen etwas anderen Charakter hat. Zudem ist diese Folge auf ein Thema festgelegt, dass sich in die später angewendeten Strukturen nicht einfindet. Heinz muss viel mehr improvisieren, entwickelt mit seiner Herangehensweise aber Schwerpunkte, die Ballonflüchtling Günter Wetzel, zu dem Thema tausendfach befragt, aus der Reserve locken. Trotzdem bleibt das Gespräch logischerweise thematisch in seiner engen Begrenzung etwas stecken.

Ab Folge 2 setzt bereits schnell die erwähnte Vertrautheit ein, die nicht nur das Gespräch kennzeichnet, sondern auch den Hörer mit dem Format verbindet. Heinz bringt Begeisterung und organisches Interesse für den Gast mit, die diesem mehr und mehr das Mikrofon vergessen läßt. Dieses statische Element, dass so viele Presse- und Promointerviews so austauschbar macht, findet hier nicht statt.

Ohne jetzt jede Folge im Detail zu beschreiben, möchte ich auf einige Highlights eingehen. Das Gespräch mit Flake, dass übrigens auch in Rammstein-Fankreise viel Applaus bekam, weil Christian Lorenz trotz zweier Bücher, Lesungen und unzähligen Interviews in total rührender, refektierter und bescheiden-schüchterner Weise auch Dinge vortrug, die der eiserne Rammstein-Freund so noch nie gehört hatte. Als ich Heinz auf die Schilderung ansprach, wie Till Lindemann zur Band kam (der singende Korbflechter im Schrankenwärterhäuschen) war er ganz erstaunt, weil er dachte, dass sei im Podcast gar nicht mehr drin, sondern hinterher erst gefallen.

Der Brüller im Gespräch mit Reinhard Mey, das für mich ein paar Längen enthält, ist die Frage nach seinem Instrumentalalbum, und seiner selbstironischen Beschreibung des Projekts und der Einschätzung, dass es einfach Schrott sei. Sehr sympatisch.

Bei Jan Hofer fiel mir besonders auf, wie er aus einer professionellen und kontrollierten Interview-Haltung herausgleitet, und im letzten Drittel zum Thema Medien (vorzugsweise Print) dann doch Tacheles redet. Er bleibt dabei unparteiisch und emotionslos, übt wohlbemerkt keine Kritik, beobachtet aber messerscharf und verleiht durch seine Nüchternheit einen nachhaltigeren Eindruck. Der Hörer bleibt etwas verblüfft zurück, weil die hohe Intensität des Gespräches auf der Zielgerade nicht vorausahnen konnte. Nicht nur hier habe ich mir die Sendung nach ein paar Tagen erneut angehört.

Jim Rakete ist meine Lieblingsfolge. Der Fragenkatalog zieht sich durch viele Interpreten der frühen und mittleren Achtziger, mit denen ich aufgewachsen bin. Interzone, Mitteregger, Maurenbrecher, Rakete gibt zumindest für mich nie gehörte Infos raus, Heinz stellt brilliante Nachfragen, die Zeit fliegt nur so davon. Aus "Kunze/Rakete talken sich durch die Jahre" könnte man einen eigenen Podcast machen, etwa so wie Steven Wilson und Tim Bowness es seit dem Frühjahr tun.

Dann mit Jerry Scheff der nächste Hammer. Ich hatte vermutet, dass die Übersetzung den Fluss stört und irgendwie das Gespräch hemmt. Aber weit gefehlt, das Gespräch ist nach einer etwas gedehnten orthographischen Einleitung sehr schnell spannend genug, dass man den Mund gar nicht zu bekommt. Mit welcher zurückhaltenden Selbstverständlichkeit der Achtzigjährige von dieser langen Liste von Superstars erzählt, mit denen er gearbeitet und gelebt hat, ist ganz großes Kino. Und nicht die geringste Spur von Eitelkeit. Heinz führt hörbar beeindruck durch die Stunde, aber auch sehr souverän. Ein kleines Missverständnis, als Jerry Iggy Pop´s "Brick to Brick" meint, aber "The Wall" sagt, vermittelt dem Hörer, er säße direkt daneben. Es ist nicht übermittelt, wie lange man nach dem Cut noch zusammen saß, aber wir ahnen es.

Bei Klaus Meine musste ich an einer Stelle unfreiwillig laut lachen. Heinz fragt seinen Ex-Nachbarn nach Uli Jon Roth, der Gitarrist in der kreativsten Phase der Band (1974-1978) war. Meine antwortet respektvoll. Ich musste nun aber aber einen einen YouTube-Clip denken, den ich vor Jahren mal geschickt bekam und heute nicht mehr finde. Da stehen Billy Corgan und Uli Jon Roth zusammen im Hotelaufzug (am Abend vor einem Pumpkins-Konzert mit Roth als Special Guest) und lästern über die englische Aussprache von Klaus Meine, speziell beim Singen. Mich hätte in dem Moment, als Heinz nach Roth fragt, wahnsinnig interessiert, ob Meine den Clip kennt. Der ist wirklich saukomisch.

Auch Stein-Schneider ist ein Heimspiel, der hat sich eine Art Schutzhülle zum Business bewahrt, so dass dieses Gespräch eine Art soziologische Tiefe bekommt, die auch ein wenig an Flake erinnert. Natürliche Bodenhaftung, eine Bescheidenheit, die nicht ein Krümmelchen aufgesetzt ist. Eine vorhersehbare Folge, hatte ich wertfrei gedacht, und mich natürlich geirrt.

Boning ist mit seiner bunten Biografie, und seinen immer wieder blitzartigen Wendungen, ein eigentlich dankbarer, aber auch gefährlicher Gast. Sein Leben relativ aufgeräumt durch zu gehen, ist nur möglich, weil Heinz auch hier perfekt vorbereitet war, und längst Routine für dieses Format bekommen hat. Wie leicht könnte man sich in so einem Gespräch verfranzen oder in ein Loch fallen. Zumal Boning nicht selten wirklich verblüffend antwortet.

Die Frage nach Frauen hat sich durch Folge 11 ja entschärft, aber es ist eben auch so, dass nicht alle Angefragten zusagen. Aber wer sich vor der Entscheidung jetzt mal ein paar Folgen anhört, sollte künftig keine Einwände haben. Und dann werden auch die Frauen noch etwas aufholen.

Problematisch ist noch die Finanzierung. Kostendeckend oder gar profitabel kann ein Podcast nur mit Vermarktung sein. Da es keinen Sinn macht, kostenpflichtige Podcasts zu produzieren, wäre also ein Sponsor gesucht. Der bekommt ein sehr gutes Produkt, aber eine bisher begrenzte Reichweite. An letzterer kann man aber arbeiten. Und wenn, wie jüngst vernommen, die Schwarz-Gruppe sich einen tragischen Schlagersänger als Werbebotschafter im sechsstelligen Bereich kosten ließ, sollte sich jemand finden lassen, der hier zumindest mit kleinem Geld einsteigt, damit Meadow Lake nicht draufzahlt. Denn bis jetzt schenken uns Heinz und MaWi diese wunderbaren Stunden.

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MartinB
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Re: SPOTTLIGHT #58 Riders on the Storm im Fahrstuhl - Die Brille-Podcasts

Beitrag von MartinB » 15 Okt 2020, 08:05

Moin Frank,

wow, erstmal danke für diese Fleissarbeit. Nehme ich mal zum Anlass, mir den Podcast zwischen die Ohren zu schieben. Habe ich bisher nur am Rande wahrgenommen und mich noch nicht wirklich mit beschäftigt.
Kleiner Hinweis zu Flake - der macht auch einen eigenen Podcast mit dem charmanten Namen "Tastenficker". Einfach gugln, leicht zu finden....

Grüßchen!
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Re: SPOTTLIGHT #58 Riders on the Storm im Fahrstuhl - Die Brille-Podcasts

Beitrag von Thofrock » 22 Okt 2020, 13:58

Jau, da hab ich auch schon mal rein gehört. Im Rammstein-Umfeld gibt es einige Podcasts. LG

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Re: SPOTTLIGHT #58 Riders on the Storm im Fahrstuhl - Die Brille-Podcasts

Beitrag von MartinB » 24 Okt 2020, 22:29

Ja, klasse, macht grossen Spass zu hören. Kunze "wie wir ihn kennen" glänzt in den Einleitungen gut vorbereitet und virtuos, als hätte er extra für diese Anlässe gesprechtextet... Im Laufe der Gespräche haut er oft spontan recht präzise pointierte Reaktionen raus - schöner Einblick in Heinzes Assoziatonsgenerator "Live und in Farbe und in Action"...
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Re: SPOTTLIGHT #58 Riders on the Storm im Fahrstuhl - Die Brille-Podcasts

Beitrag von Thofrock » 31 Okt 2020, 14:22

Nummer 12 ist die wohl bisher vorhersehbarste Folge. Mit Hartmut Engler konnte man irgendwann rechnen, und mit dem Verlauf des Gespräches eigentlich auch.

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