Nachdem das Album nun einige Runden im CD-Player drehen durfte habe ich mich mal an eine erste Einschätzung der Songs gewagt. Dass ist wie immer bei HRK-Platten nur eine Momentaufnahme und das kann sich auch alles noch entwickeln, aber es reicht für einen ersten, etwas genaueren Eindruck der Songs und des Albums.
Ich fang mal ganz von vorne an:
Es ist in ihm drin – Ein sehr geiler Einstieg. Der Blues rockt in meinen Ohren deutlich mehr als Europas Sohn oder die anderen beiden Rocker auf Stein vom Herzen. Das Ding macht mir richtig Spaß, ich hab das Grinsen kaum aus dem Gesicht gekriegt als ich es das erste mal gehört habe, obwohl ich normalerweise gar keinen Blues höre. Vielleicht liegt es daran dass er sich hier an dem in meinen Ohren klassischstem Blues-Schema bedient. Ist im Grunde auch vollkommen egal. Textlich ist es rund und die Band hat richtig Spaß, der Song bereitet einen gut auf das vor was noch kommt. Die Show ist eröffnet!
Zu früh für den Regen – da ist sie wieder, diese kryptische Art zu texten für die Kunze in Deutschland das Monopol hat. Zumindest kenne ich das in der Art von keinem anderen deutschen Künstler. Sowas habe ich auf den letzten Band-Alben vermisst. Der Text ist zwar von 2013, hätte aber auch aus den 90ern Stammen können. Schon die Anfangszeile „In meinem Rücken die Wüste“ hat mehr Tiefe als die ganze Gunst der Stunde zusammen. Dass das maßlos übertrieben ist weiß ich auch (oder? ), aber es zeigt meine Begeisterung auch mal wieder auf einem Band-Album so eine Nummer zu hören. Ich will gar nicht sagen dass die Verstärkung mehr Klasse hat als Räuberzivil, aber es bringt hier schon einen enormen Mehrwert wenn man an den Songs zusammen im Studio arbeiten kann und nicht jeder seinen Part solo bei sich im Keller einspielt.
In der alten Piccardie – Der Song erzeugt eine sehr angenehme, intensive Stimmung die mich ein wenig an meine Heimat und auch Kindheit erinnert hat. Die Bilder die er bei mir Kopf erzeugt hat wirkten tatsächlich sehr vertraut. Es ist immer wieder erstaunlich wie Heinz es schafft Lieder die aus seinen Erinnerungen bestehen so allgemeingültig wirken zu lassen. Im Vergleich zu „Zu früh für den Regen“ war das alles wieder sehr klar formuliert, wobei auch hier einige sehr schöne Formulierungen drin sind („Der Herbst war so dunkel wie Gottes Gesetz“). Das Album hält hier bisher ein wirklich hohes Niveau, trotz dreier sehr Unterschiedlicher Stilrichtungen.
Nur eine Fotographie – Der vierte Song der sich musikalisch und Stimmungstechnisch ganz anders präsentiert und der vierte Song der das Niveau wieder hält. Das ist Melancholie, Melancholie über einen Abschluss den man nie gewollt hat, aber den man nun akzeptiert. Es gibt viele (gute) Liebeslieder über Sehnsucht, aber das ist schon eine Stufe weiter. Das Ich hat akzeptiert dass es nicht sein soll und schwelgt jetzt in der Erinnerung und in dem „Was hätte sein können“. Ein sehr trauriger, aber auch ein sehr schöner Song.
Das Paradies ist hier – Ich verstehe es einfach nicht. Es ist natürlich legitim dass HRK mit seiner Musik Geld verdienen will. Muss er ja auch! Aber ich verstehe nicht warum er glaubt dass er nur richtig Geld verdient wenn Jens Carstens mindestens einen Song beisteuert der so viele massenkompatible Elemente enthalten muss dass es er schon rein statistisch eine bestimmte Käuferzahl garantiert. Oder gibt es für diesen Song einen anderen Grund? Im Track-by-Track Video hatte ich den Eindruck der Song war selbst Heinz irgendwie unangenehm, Das ganze schadet meiner Meinung nach auch mehr als es ihm nutzt. Die Altfans die sich spätestens bei den Rosen abwandten kriegt er damit nicht zurück und für neue Hörer ragt das ganze auch nicht unbedingt aus der Masse heraus, sodass man sagt: „Hey, da gebe ich mal 15 € für die CD aus!“ Zumal die meisten die aufgrund vom „Paradies“ die Hörproben durchgehen schon beim Opener wieder raus sein dürften. Warum nicht einfach mal den besten Song der Platte als Single auskoppeln? Klar kann das schief gehen, aber wenn es mal wieder richtig funktionieren soll dann doch so?! Von Grönemeyers „Der Weg“ hätte auch keiner gedacht, dass das ein Airplay-Hit wird. Zum Song selber, mir sind das zu viele synthetische Elemente und das ganze ist mir insgesamt einfach zu platt. Wer die„Hunderttausend Rosen“ mochte wird das auch mögen, für die anderen … der erste Tiefpunkt des Albums!
Jeder bete für sich allein – Es geht wieder aufwärts, hat aber nicht das Niveau der ersten vier Songs. Ein politischer Song, handwerklich toll gemacht, das Thema ist aktuell, hat Brisanz und regt zum Nachdenken an, aber es fehlt mir bei dem Ganzen irgendwie an Emotionalität. Natürlich auch nicht ganz einfach das alles unter einen Hut zu kriegen, aber bei „Kadaverstern“ oder „In der Sprache die sie verstehen“ hat er zumindest gezeigt dass das geht. Zugegeben, der Vergleich ist nicht ganz fair. Highlights sind die Zeile „dann müsste doch endlich mal Ruhe sein“, das in der Art und Weise der Phrasierung einen sehr flehenden Charakter hat und der hymnische Schluss, der hätte aber für meinen Geschmack ruhig etwas ausgeweitet, bzw. in die Länge gezogen werden dürfen. Zweifelsohne ein guter Song, aber eher ein Mitläufer als ein Highlight. Aber sowas muss es ja auch geben.
Setz dich her – Ich bin wahrscheinlich der einzige hier im Forum der dem Country-Rock nicht gänzlich abgeneigt ist!

Deshalb finde ich den Song auch ziemlich gelungen, den Chor im Refrain hat Heinz richtig gut hinbekommen und das ganze Lied hat wieder eine sehr angenehme Stimmung die den Text wunderbar unterstützt. Ein rundum gelungener Song mit Ohrwurmcharakter. Hätte meiner Meinung nach auch gut als erste Single getaugt, zudem auch glaubwürdiger als das „Paradies“. Das Ding hätte bei NDR1 auch hundertprozentig seine Airplayzeit bekommen. Auch kein Highlight (wobei der Song bisher nach mehrmaligem Hören immer mehr gewachsen ist, mal sehen was da noch kommt), aber es wäre schade wenn er es nicht aufs Album geschafft hätte.
Mund-zu-Mund-Beatmung – Puh… Es sei ihm gegönnt. Laut Track-by-Track Video war die Motivation für dieses Lied ja einmal einen Song mit so einem „stampfenden Bass“ zu haben weil er gesehen hat wie das Publikum beim ZDF-Fernsehgarten zu solchen Liedern abgegangen ist. Man hat ihm richtig angesehen wie sehr er sich darauf freut diesen Song live zu spielen. Und das Lied wird live auch wunderbar funktionieren, davon ist auszugehen. Aber so für sich genommen… der Schluss rettet das Lied ein wenig, da er dem lyrischen Ich noch eine verunsicherte Seite zugesteht und damit mehr Tiefe. Aber trotzdem, viel mehr als ein mittelmäßiger PUR-Song (doch, es gibt auch gute!) kommt für mich bei dem Lied nicht rum.
Immer noch besser als Arbeiten – Das groovt wieder amtlich! Der erste „richtige“ Rocker! Musikalisch erinnert es mich ein wenig an „Ich glaub du liebst mich“, aber nur in der groben Richtung. Das hier ist deutlich konsequenter umgesetzt ist um wenn man diese beiden Lieder gegenüberstellt kann man schön sehen warum das neue Album deutlich mehr Klasse hat als „Die Gunst der Stunde“. Zumal der Text auch deutlich stärker ist, wesentlich bissiger und pointierter. Das passt alles gut zusammen. Hier hört man außerdem nochmal deutlich dass der (erzwungene) Wechsel auf Peter Koobs an den Gitarren wahrlich keine Verschlechterung ist. Macht richtig Spaß der Song!
Deutschland – Sehr, sehr geiler Bass! Super Geil! Das Teil rockt nicht, aber es führt den Groove des Vorgängers fort und steigert ihn nochmal. Auch ich höre hier den fetten, alten Hippie aber das ist mehr eine Feststellung als 'ne Wertung, zumal sich mir der Vergleich beim direkten Hören auch gar nicht so sehr aufdrängt. Den Text finde ich gut, ich finde aber auch dass Heinz schon deutlich „elegantere“, oder besser „rundere“ Texte hatte. Den Eindruck hatte ich auch schon bei „Jeder bete für sich allein“. Kann natürlich auch künstlerisch gewollt sein, ist ja auch ein Stilmittel. Die zitierwürdigste Stelle ist wahrscheinlich „Jeder gute Deutsche hat sich an dir gerieben.“
Die letzten unserer Art – Der wohl beklemmendste Song auf dem Album. Der hätte auch gut auf eines der ganz frühen Alben gepasst. Nur dass er hier die Band bekommt die ihm das Gewand gibt das er verdient. Ein wirklich großartiges Stück dass beim mehrmaligem Hören noch mehr Kraft entfaltet. Viel mehr Worte würden hier momentan noch keinen Sinn ergeben.
Auf meine Mutter – Der Bonussong schlechthin! Konnte ich bei der Mund-zu-Mund-Beatmung noch die Beweggründe verstehen warum man ihn aufs Album packte, kann ich das bei diesem Lied nicht mehr. Nicht dass er so schlecht wäre, aber wirklich gut ist er auch nicht. Der Text schwankt irgendwo zwischen „ganz witzig“ und „...

“, die Musik hat was volkstümliches und taugt zum Mitsingen. Das kann man so sicher mal so machen, aber ganz ehrlich, wenn man solche Bonussongs hat, dann können die gar nicht so wenig ins künstlerische Konzept passen dass man dafür lieber diesen Song mit rein nimmt.
Ich möchte anders sein – Wenn er mutig ist haut er den Song als zweite Single raus! Gefällt mir wieder richtig gut, hat 'nen genialen Rhythmus mit packender Instrumentierung in der Strophe und der Refrain hat Ohrwurmcharakter. Zudem hat er hier auch mal wieder die lang verschüttete Tradition des Pre-Chorus wieder ausgegraben. Auch wieder ein Rocker! Der Text zieht einen Bogen zum Opener und beleuchtet den kleinen Jungen in einer rebellischen Phase. Dabei wirkt er richtig rund und passend formuliert. Der Song hat zudem 'ne sehr gelungene Schlusspointe und wäre damit eigentlich auch ein toller Schlusspunkt des Albums gewesen…
Ein fauler Trick - ...wenn da nicht dieser Song wäre. So ein Lied kannst du eigentlich nur als Finale bringen. Hätte Heinz diesen Song auch noch zum Bonustrack degradiert, dann hätte man ihm auf ewig verbieten müssen die Songauswahl für seine Alben selbst zu treffen. Ist in einer Reihe zu nennen mit „Regen in Berlin“, „Feuerschutz“, „Der alte Herr“ oder „Ein Nichtsnutz sein“. Eine großartige Klavierballade die nur einen Fehler hat: Mit 2:30 (die letzten 15 Sekunden klingt es aus) ist das Lied eindeutig viel zu kurz. Heinz sagte, dass dieses Lied sein Lieblingslied auf dem Album ist. So weit würde ich zwar (noch) nicht gehen, aber wenn wenn mich jemand, die Pistole auf die Brust gedrückt, fragen würde welches mein Lieblingsstück der neuen Heinz Rudolf Kunze Platte ist, „Ein fauler Trick“ wäre ein naheliegender Kandidat.
Bonussongs:
Das Jawort: Ein cooler Song, sehr gelungenes Hardrock-Intro und Bridge, das in den Strophen und im Refrain leider etwas Schärfe rausnimmt. Trotzdem musikalisch sehr gelungen. Textlich ist das irgendwo Gesellschaftskritik nur diesmal über Bande gedacht und der Humor funktioniert auch deutlich besser als bei der Mutter. Hätte definitiv mit aufs Album gewusst!
Der große Kakadu: Lieber Heinz! Wenn du nocheinmal so einen Song schreibst, und der passt auf Biegen und Brechen nicht in den Rahmen des Albums, dann nimm den Rahmen, reiß ihn auseinander, brenn ihn nieder und zimmere dir einen Neuen! Wenn man über das Jawort noch streiten könnte, an diesem Lied führt kein Weg vorbei. Ein genialer Song! Diesmal auch mit fast sieben Minuten lange genug, wobei mich in dem Fall wohl auch zwölf Minuten nicht gestört hätten. Der Song hätte sicherlich noch ausuferndere Lobeshymnen verdient, aber erst einmal reicht es an dieser Stelle, zumal meine Beurteilung ja doch recht üppig ausgefallen ist.
Zusammenfassend ist es dann doch ein wirklich sehr gelungenes, ja großartiges Album geworden, das erstmal richtig verdaut werden muss. Mindestens eine Stufe höher einzustufen als Stein vom Herzen. Der Vorgänger war zwar handwerklich gut gemacht, und hat fünf, sechs Nummern die ich wirklich gerne mag, aber „Deutschland“ wirkt als Album schon wesentlich kompakter und organischer, trotz der vielen unterschiedlichen Stilrichtungen. Dazu hat es diese besonderen Songs die ein gutes Album von einem sehr guten unterscheiden! Lediglich "Das Paradies", "Mund-zu-Mund-Beatmung" und "Auf meine Mutter" trüben das Gesamtbild leider etwas. Um es abschließend zu beurteilen muss das Album sicherlich noch einige Zeit wachsen, aber wenn ich mal nüchtern prognostiziere könnte „Deutschland“ tatsächlich in der ewigen Ruhmeshalle der Kunze-Alben landen. Was hier vorliegt hat wirklich Klasse und wenn wir ehrlich sind, schwarze Schafe hat selbst die „Richterskala“ oder „Macht Musik“, wobei sie mir hier natürlich noch etwas deutlicher ins Gesicht springen.
Ich bin jedenfalls sehr gespannt wie sich das Album im Laufe der Zeit entwickeln noch entwickeln wird und vor allem auch wie die Songs live präsentiert werden.